Survival-Tagebuch 2004 - 17. Abschied bedeutet langsam gehen, zu Fuß

Die Rückreise in die Zivilisation erfolgt langsam, zu Fuß, Schritt für Schritt. Mein Rucksack ist leicht und trotzdem erinnert er mich daran, dass ich langsam weggehen muss. Müde Beine, Rückenschmerzen, ein Hunger der nicht gestillt werden kann. Das Glück über menschliche Gesellschaft. Wehmut in meinem Herzen. Ich liebe diese kahlen Bergrücken, die knorrigen Birken, das wilde Unterholz. Sogar die Mücken mag ich. Ich werde Zeit brauchen.

Abschied bedeutet langsam gehen

Aus meinem Tagebuch:

Mittwoch: 25.8.2004

In der Nacht bin ich immer wieder davon aufgewacht, dass ich Schneehühner ganz in der Nähe meines Zeltes gehört habe. Irgendwann habe ich dann die Luke von meinem Überzelt geöffnet und mich so hingelegt, dass ich rausgucken konnte. Ich bin etwas später wieder von Schneehühnergeräuschen aufgewacht, es war schon hell und ich blieb ganz still liegen. Dann ist das Schneehuhn anspaziert gekommen und hat direkt vor meiner Zeltluke angehalten! Ich konnte es sicher drei Minuten lang aus 150cm Entfernung beobachten, bevor es weitergelaufen ist. Von da an hab’ ich dann von Schneehühnern geträumt, wie ich sie, gemeinsam mit meinem Bruder, gejagt habe. Schon Gestern hatte ich eine ähnlich nahe Begegnung mit einem solchen Vogel: Ich saß früh morgens vor der Kote in der Sonne, war dicht in meinen Schlafsack eingepackt und meditierte. Plötzlich hörte ich es links neben mir rascheln und öffnete die Augen, konnte die Ursache aber zunächst nicht sehen. Und dann kam es. Es tauchte in meinem Augenwinkel auf, drei, vielleicht zwei Meter neben mir, lief ein Stück weiter um sich direkt vor mir (3,5m) hinter einen Wachholderstrauch zu setzen. Ganz langsam fing ich an meinen Schlafsack zu öffnen, kroch zu meinem Wurfstein und bewegte mich langsam auf die Stelle zu, bereit sofort zu werfen, wenn das Tier auffliegt. Letztendlich lief der Vogel nur 4m zum nächsten Gebüsch. Geworfen habe ich nicht. Ganz zum Schluss meiner Zeit hier, wo ich gar keine Beute mehr brauchte, kam dieses Schneehuhn und spazierte vor meiner Nase herum. Ich schien es gar nicht zu stören. Ich war dankbar für seine Zutraulichkeit.

Wir sind etwa gegen 10 Uhr losgekommen. Davor habe ich Haferschleim mit Milch- und Kakaopulver gegessen. So viel, dass kaum noch etwas in mich reingegangen ist. Satt war ich nicht. Und Kaffe hab’ ich auch bekommen! Endlich. Das hat vielleicht gut getan!

 

Der Rückweg ging erstaunlich gut. Das Laufen war natürlich absolut hart und anstrengend für mich. 14km mit Rucksack. Aber es gab keinen Moment in dem ich gedacht hätte, ich schaffe es nicht mehr. Ich habe schließlich auch alle paar Kilometer Knäcke mit Schinken bekommen. Und dann sogar zwei Schokoladenriegel, deren Süße mich schier umgehauen hat. Ab da, wo der Wanderweg in den Feldweg gemündet ist, hatte Sebastian für eine ungemeine Erleichterung des Laufens gesorgt: Ein Leiterwagen, den er mit einem Halfter ausgestattet hatte. Rucksäcke drauf und ganz erleichtert die letzten Kilometer zurückgelegt.

 

Endlich am Auto angekommen, war ich dann echt fertig. Zu Hause wartete Reis und Gemüse und Hähnchen auf mich! Und ich werde in einem Bett schlafen!

Auf dem Rückweg aus der Kabla hatte ich nochmal alle Zeit der Welt zum nachdenken. Und ich hab’ gemerkt, dass ich absolut zufrieden mit der Zeit bin, die ich in diesem genialen Gebirge verbringen durfte! Und ich habe das Gefühl, dass ich mich teilweise doch sehr verändert habe. Ich bin ehrlicher geworden. Vor allem mir selbst gegenüber. Es fällt mir leichter, meine Schwächen und Stärken nicht nur zu erkennen, sondern sie mir auch zuzugestehen. Ich darf schwach sein und ich darf auch stark sein. Was ich sehr stark bemerke, ist ein vertiefen der Natur in meiner Seele. Ja, das hört sich vielleicht etwas abgehoben an, trotzdem trifft es genau den Punkt. Mein Interesse an meiner Umwelt ist so stark gewachsen, wie ich es kaum für möglich gehalten hätte. In mir ist das Bedürfnis entstanden, mehr über sie zu lernen, mich mehr mit ihr zu beschäftigen. Mich mit ihr zu verbinden. Ich hab’ mir gedacht, dass ich mich mal nach einer Zivildienststelle in diesem Bereich umschaue. Vielleicht in einem Naturpark oder bei einer Naturschutzbehörde. Vor allem sollte es eine Stelle sein, bei der ich viel rauskomme. Am besten zusammen mit Profis, sodass ich mich gar nicht mehr retten kann vor Dingen die ich lernen will. Evtl. könnte ich ja auch mal im Ausland schauen, Alaska, Grönland usw. Ich habe auch beschlossen an Vogel- und Kräuterexkursionen teilzunehmen, weil ich gemerkt habe, wie viel man lernt wenn man mit jemandem zusammen ist, der sich gut auskennt. Über Vögel, Pilze, Heilkräuter und essbare Pflanzen will ich Bescheid wissen. Außerdem natürlich noch über Moose und Flechten und Steine. Ganz zu schweigen von der Süß- und Salzwasserbiologie (keine Ahnung ob man das so nennt). Es gibt so vieles von dem ich keine Ahnung habe!


Auf der Rückfahrt hab’ ich gleich die Gummistiefel weggeworfen. Sie hatten inzwischen ihren Geist ganz aufgegeben. Allerdings musste ich dann feststellen, dass ich in Jokkmokk erstmal keine Schuhe hatte und aber unbedingt in den ICA (Einkaufsladen) wollte. Also bin ich barfüßig (Füße = schwarz) und in der Kleidung gegangen, die ich die letzten 2 Wochen getragen hatte und die nach Rauch gestunken hat und „dreckig“ war (Erde, Ruß, Hasenblut, mein Blut...)! Die Leute konnten sich wohl kaum beherrschen, alles stehen und liegen zu lassen und mich anzuglotzen. 
Ach ja, was ich wohl nie vergessen werde und was somit auch nicht in meinem Tagebuch fehlen darf, ist die erste Dusche. Es war das allererste, was ich gemacht habe, als wir zuhause angekommen waren. Geduscht und frische Kleider angezogen. Ich glaube fest, dass es die schönste Dusche war, die ich bisher hatte. Auch wenn ich diese 20-30Minuten nur damit beschäftigt war, mir mit einer harten Bürste den Dreck von der Haut, bzw. die oberste Hautschicht wegzuschrubben. Am meisten war es wohl der rechte Unterarm (Feuermachen), dicht gefolgt vom linken Unterarm und dem Gesicht. Und natürlich nicht zu vergessen: die Haare! Allerdings hab ich das Gefühl, dass es denen gar nicht mal so schlecht getan hat, 3 Wochen nur kalt gewaschen und nur mit Stöcken gekämmt zu werden.
Ich freue mich aufs Bett!

Der Besuch des Schneehuhns gehörte zu den schönsten Begegnungen meiner einsamen Zeit. Es war das Vertrauen des Tieres in mich, seine Nähe. Das unglaubliche Gefühl ein Teil von einem großen Ganzen zu sein. Verbundenheit, Einheit. 

Der ein oder andere wird sagen, dass ich mich einfach an das Umfeld gewöhnt, meine Comfortzone erweitert, die Survivalsituation gemeistert habe. Aber das war es nicht. Die zwei Wochen waren für mich eine ausgesprochen spirituelle Erfahrung. Ich war erst 18 Jahre alt. Und ich habe damals ein Stück der Welt verstanden, dass man nicht in Worte fassen kann. Es ist das Gefühl von: Es ist alles gut wie es ist. 

 

Wenn ich damals dachte, dass mich die Zeit in der Natur erwachsener gemacht hat, so kann ich heute mit Sicherheit sagen: Sie ist der Grund, dass mein Herz jung geblieben ist.

Das war der letzte Teil der Artikelserie. Hier ist die Übersicht über alle Artikel:

 

Survival-Tagebuch 2004.

 

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